9. Demokratiekonferenz Neumünster: Menschen verbinden, Zukunft gestalten
Wie wollen wir in Neumünster zusammenleben? Und wie können wir trotz unterschiedlicher Meinungen gemeinsam für Demokratie, Vielfalt und Solidarität einstehen? Unter dem Motto „Menschen verbinden, Zukunft gestalten“ kamen rund 70 Menschen aus Neumünster und Umgebung zur 9. Demokratiekonferenz zusammen. Sie nutzten den Abend, um sich zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir unsere demokratische Stadtgesellschaft stärken und die Zukunft Neumünsters gestalten können.
Gemeinsam Haltung zeigen – trotz Unterschiedlichkeit
Unterschiede sind wertvoll für unsere Demokratie. Sie ermöglichen neue Perspektiven, regen zum Nachdenken an und gehören zu einer vielfältigen Gesellschaft dazu. Demokratie bedeutet deshalb nicht, immer einer Meinung zu sein. Sie bedeutet auch, Uneinigkeit auszuhalten, unterschiedliche Standpunkte respektvoll miteinander auszuhandeln und sich trotzdem gemeinsam für demokratische Werte einzusetzen.
Gleichzeitig braucht es eine klare Haltung gegenüber Versuchen, unsere demokratischen Grundwerte zu untergraben oder die demokratische Ordnung infrage zu stellen. Wie lässt sich also eine offene Diskussionskultur fördern, ohne demokratiefeindlichen Positionen Raum zu geben? Und was bedeutet politische Neutralität, wenn extrem rechte Narrative verbreitet werden?
Diese Fragen zogen sich wie ein roter Faden durch die diesjährige Demokratiekonferenz.
Nach einführenden Worten von Stadtrat Carsten Hillgruber wurde deutlich, wie wichtig es ist, bestehendes Engagement zu stärken und zugleich neue Menschen für Demokratie zu begeistern. Denn Demokratieförderung muss auch diejenigen erreichen, die bislang wenig Berührungspunkte mit entsprechenden Angeboten haben. Dafür braucht es Begegnungen über gewohnte Kreise hinaus.
Was bewegt Neumünster? Einblicke in die Partnerschaft für Demokratie
Im Anschluss stellte die Partnerschaft für Demokratie (PfD) Neumünster ihre Arbeit, bereits umgesetzte Projekte und die Ziele für das kommende Jahr vor. Im Mittelpunkt stehen dabei die Stärkung der Jugendbeteiligung, die Erweiterung des Bündnisses, die Entwicklung eines Schutzkonzepts sowie ein handlungssicherer Umgang mit demokratiefeindlichen Akteuren.
Die anschließende Vorstellung der Situations- und Ressourcenanalyse machte deutlich, wie wichtig diese Arbeit vor Ort ist: Einschüchterungsversuche durch extrem rechte Parteien sowie die Verbreitung rechtsextremer Symbole und Aussagen an Schulen und anderen Orten gehören auch in Neumünster zu den Herausforderungen, mit denen sich Engagierte auseinandersetzen müssen.
Umso deutlicher wurde der Wunsch nach einer gemeinsamen positiven Zukunftsvision für die Stadt. Was verbindet uns? Wie wollen wir miteinander leben? Und wofür möchten wir als Stadtgesellschaft gemeinsam einstehen? Die Teilnehmenden hielten erste Ideen auf einer Stellwand fest. Der Wunsch, diese Gedanken im kommenden Jahr weiterzuentwickeln und zu konkretisieren, wurde dabei ausdrücklich geäußert.

Gemeinsinn als Grundlage einer handlungsfähigen Gesellschaft
Ein besonderer Höhepunkt des Abends war die inspirierende und zugleich verbindende Rede von Pierrot Raschdorff, Politikwissenschaftler und Autor der Bücher „Schwarz. Rot. Wir. – Wie Vielfalt uns reicher macht“ und „Die neue Höflichkeit“. Aufgewachsen in Ostfriesland und heute in München lebend, beschäftigt er sich mit der Frage, wie unsere Gesellschaft trotz unterschiedlicher Lebensrealitäten wieder stärker zusammenfinden kann.
In seiner Rede machte Raschdorff deutlich, dass Demokratie nicht erst bei politischen Institutionen oder großen gesellschaftlichen Debatten beginnt, sondern bei uns selbst: in unserem Umgang miteinander, unserer Bereitschaft zur Zusammenarbeit und unserem Verständnis dafür, dass wir aufeinander angewiesen sind.
„Wir neigen dazu, den Gemeinsinn wie ein schönes Extra zu behandeln. Dabei ist er wie ein sechster Sinn, das grundlegende Verständnis dafür, dass wir Menschen von Natur aus kollaborative Wesen sind. Nur wenn wir diesen Sinn aktiv schärfen, bleibt eine Gesellschaft über Grenzen hinweg handlungsfähig.“
– Auszug aus der Rede von Pierrot Raschdorff
Seine Botschaft: Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass Menschen aufeinander zugehen, Verantwortung füreinander übernehmen und trotz unterschiedlicher Perspektiven gemeinsame Ziele verfolgen.

Drei Workshops, drei Perspektiven auf Demokratie
Im Anschluss konnten die Teilnehmenden in drei interaktiven Workshops ihre Erfahrungen einbringen, Fragen diskutieren und neue Perspektiven entwickeln.
Demokratie braucht Skepsis – Wo kritisches Denken stärkt und wo Misstrauen Demokratie gefährdet
Skepsis ist ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Demokratie. Sie ermöglicht es, politische Entscheidungen kritisch zu hinterfragen, Informationen zu prüfen und Missstände sichtbar zu machen. Problematisch wird es jedoch, wenn berechtigte Skepsis in ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und politischen Verfahren umschlägt.
Im Workshop wurde darüber diskutiert, wie kritisches Denken gefördert und ein konstruktiver Dialog auch mit Menschen ermöglicht werden kann, die bislang wenig Berührungspunkte mit demokratischem Engagement haben. Eine zentrale Erkenntnis: Es ist wichtig, im Gespräch zu bleiben und Räume für Austausch zu schaffen, die unterschiedliche Lebensrealitäten und Erfahrungen berücksichtigen.
Nicht einer Meinung? Gut so! – Demokratiefitness für den Umgang mit Uneinigkeit
Uneinigkeit gehört zur Demokratie – und will gelernt sein. Im Workshop zur Demokratiefitness trainierten die Teilnehmenden ihren „Uneinigkeitsmuskel“. Dabei ging es darum, unterschiedliche Meinungen nicht unmittelbar als Bedrohung zu begreifen, sondern als normalen und potenziell konstruktiven Bestandteil demokratischer Aushandlungsprozesse.
Denn wir müssen nicht immer einer Meinung sein, um uns respektvoll und auf Augenhöhe begegnen zu können. Entscheidend ist, andere Perspektiven auszuhalten, die eigene Position zu hinterfragen und auch bei Meinungsverschiedenheiten miteinander im Gespräch zu bleiben.

Neutralität oder Haltung? – Handlungssicherheit im Umgang mit extrem rechten Narrativen
Was bedeutet politische Neutralität für Menschen, die beispielsweise in der Verwaltung oder in der Bildungsarbeit tätig sind? Wo liegen ihre Grenzen – und wie lässt sich handlungssicher auf extrem rechte und menschenfeindliche Aussagen reagieren?
Der Workshop widmete sich dem Spannungsfeld zwischen Neutralitätsanforderungen und einer klaren Haltung für demokratische Grundwerte. Dabei wurde deutlich, dass politische Neutralität nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber Angriffen auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung verwechselt werden darf. Die Auseinandersetzung mit extrem rechten Narrativen erfordert Wissen, Orientierung und Handlungssicherheit.
Gemeinsam weiterdenken: Was wir aus dem Abend mitnehmen
Zum Abschluss fasste Pierrot Raschdorff zentrale Gedanken aus den Workshops zusammen. Berenike Schwarz vom KAST e. V., die durch den Abend moderierte, verabschiedete die Teilnehmenden mit dankenden Worten. Bei Falafel, Fatoush und Taboulé vom Café Nunu klang die Veranstaltung in entspannter Atmosphäre aus – mit Gelegenheit für weitere Gespräche und Begegnungen.
Auch die Rückmeldungen der Gäste geben wichtige Impulse für die weitere Arbeit. Besonders positiv bewertet wurden die Rede von Pierrot Raschdorff, die viele als „inspirierend“ und „motivierend“ beschrieben, sowie der Veranstaltungsort im Ratssaal des Neuen Rathauses. Auch das Essen fand großen Anklang. Die Workshops wurden teilweise als lebendig und interessant erlebt. Zugleich wünschten sich einige Teilnehmende vielfältiger zusammengesetzte Gruppen, mehr Zeit für Diskussionen und die stärkere Einbeziehung konkreter Fallbeispiele aus der eigenen Praxis.
Für zukünftige Veranstaltungen wurde außerdem angeregt, mehr junge Menschen und Personen außerhalb der bereits bestehenden Netzwerke einzubeziehen. Gewünscht wurden neue Begegnungsformate für unterschiedliche Menschen in der Stadt, mehr Austausch zwischen gesellschaftlichen Gruppen und eine stärkere Berücksichtigung jugendlicher Perspektiven.
Unterschiedliche Erwartungen an offene Dialogräume
Einige Rückmeldungen bezogen sich kritisch auf den Umgang mit der Teilnahme von AfD-Mitgliedern. Diese Bedenken nehmen wir ernst. Die Förderung von Meinungsvielfalt und der Austausch unterschiedlicher Perspektiven bedeuten nicht, dass menschenfeindliche oder demokratiezersetzende Positionen akzeptiert werden.
Grundlage unserer Demokratiekonferenz sind die freiheitlich-demokratische Grundordnung und ein respektvoller Umgang miteinander. Diese Rahmenbedingungen wurden zu Beginn der Veranstaltung kommuniziert. Zugleich wurde deutlich gemacht, dass Personen des Raumes verwiesen werden können, wenn sie die gemeinsamen Vereinbarungen missachten.
Wir halten es für wichtig, Gesprächs- und Begegnungsräume für Menschen offenzuhalten, die bereit sind, sich auf diese demokratischen Grundlagen einzulassen. Dabei schließen wir Menschen nicht allein aufgrund einer vermuteten oder zugeschriebenen politischen Haltung von vornherein aus. Gleichzeitig wissen wir, dass es unterschiedliche Einschätzungen darüber gibt, wo offene Dialogangebote sinnvoll sind und wo klare Grenzen gezogen werden müssen.
Die eingegangenen Rückmeldungen nehmen wir als wichtigen Anlass, diese Fragen weiter zu reflektieren und den Umgang mit demokratiefeindlichen Positionen auch künftig bewusst zu gestalten.
2027: Neumünsters Zukunft gemeinsam gestalten
Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Demokratiekonferenz! Im kommenden Jahr stehen mit der Landtagswahl in Schleswig-Holstein und der Oberbürgermeisterwahl in Neumünster wichtige politische Entscheidungen an. Außerdem feiert die Partnerschaft für Demokratie Neumünster ihr zehnjähriges Jubiläum.
Das möchten wir zum Anlass nehmen, den Blick noch stärker auf Neumünster selbst zu richten: Welche gemeinsame Zukunft wünschen wir uns für unsere Stadt? Was verbindet Menschen über unterschiedliche Lebensrealitäten und gesellschaftliche Gruppen hinweg? Und wie können wir diese Vorstellungen gemeinsam in die Praxis umsetzen?
Unser Ziel ist es, der positiven Zukunftsvision für Neumünster ein Stück näherzukommen – durch Begegnungen, Austausch und gemeinsames Engagement.

Pierrot Raschdorff brachte es in seiner Rede auf den Punkt:
„Gerade jetzt, wo unsere Demokratie einem echten Stresstest unterzogen wird, reicht passives Zusehen nicht mehr aus. Wir müssen uns engagieren, aber mit kühlem Kopf. Das bedeutet, strategisch vorzugehen, verlässliche Allianzen zu schmieden und das gemeinsame Ziel nie aus den Augen zu verlieren.“
– Auszug aus der Rede von Pierrot Raschdorff
Vielen Dank an alle Teilnehmenden für das große Interesse, die offenen Diskussionen und die vielfältigen Impulse. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, Menschen zu verbinden und die demokratische Zukunft Neumünsters zu gestalten!




